Gutes Saatgut – böses Saatgut

In fast jedem konventionellen Gartenratgeber und Gartenbüchern aller Art kann man darüber lesen:
Über die große Vorfreude, die die Gärtner_in überfällt, wenn sie die kleinen bunten Hochglanztütchen in die Hand bekommen, in denen sich das Saatgut für das kommende Gartenjahr befindet.
Nun beginnen die Träume und Überlegungen:
was will ich in diesem Jahr in meinem Gemüsebeet anbauen?

Vielleicht die Busch-Cocktailtomate „Siderno F1“ – Lycopersicon esculentum?
Sie bildet zahlreiche, aromatische rote Früchte mit ca. 3 cm Durchmesser und 15 – 20 g Gewicht und ist widerstandsfähig gegen Krankheiten (gegen Fusarium und Verticillium ) und es ist kein Ausgeizen nötig! Mit nur 80 cm Wuchshöhe zudem  bestens für Kübel geeignet.
Hm, hört sich doch nicht schlecht an, oder?

Und für den Blumegarten?
Vielleicht die Neuzüchtung Antirrhinum majus „Twinny Mix F1“ – Löwenmäulchen?
Kompakte Sorte mit gefüllten Blüten in den Farben Weiß, Gelb und Apricot bis hin zu Bronze und Rosa. Diese hervorragende Sorte wächst gut verzweigt und ist ideal für Beete und Container und blüht den ganzen Sommer über. Höhe: 20 – 30 cm.
Auch vielversprechend. Was für ein Farbspektrum!

Aber Augen auf beim Kauf der bunten Tütchen mit vielversprechendem Inhalt:
Denn was bedeutet denn eigentlich der unauffällige Zusatz F1?
F1 steht im Gegensatz zum Begriff samenfest.
Bevor die moderne Pflanzenzüchtung an weltweiter Bedeutung gewann, war es der übliche Weg der Saatgut-Gewinnung, samenfeste Sorten über Jahre auf bestimmte Eigenschaften durch Kreuzung und Selektion zu züchten. Die Landwirte schufen so ihr eigenes Saatgut, das auf die jeweilige Region (Standort) und deren Umweltbedingungen angepasst war. Auch über wünschenswerte Eigenschaften wie Geschmack, Aussehen, Resistenzen und ja, auch individuelle Vorlieben wurde so entschieden.
Wenn diese Sorten über ihr Saatgut weiter vermehrt werden, erhält man in der nächsten Generation Pflanzen mit denselben Eigenschaften, diese nennt man samenfest, sortenrein und nachbaufähig.
Von Generation zu Generation kann man diese Pflanzen natürlich weiterentwickeln und so z.B. auf  Umwelt- und Klimaveränderungen reagieren.

Dem gegenüber stehen die F1-Hybridzüchtungen, die nicht samenfest sind.
F1 ist eine Kreuzung in erster Generation, d. h. es werden zwei Sorten gekreuzt und bei sortenreinen Eltern erhält man in dieser ersten Generation einheitliche Nachkommen. Vermehrt man diese Pflanzen weiter, tritt in der nächsten Generation – der F2 – die größtmögliche genetische Aufspaltung auf und die genetischen Eigenschaften der Kreuzungspartner treten in den Nachkommen in den verschiedensten Variationen zu Tage.
Wenn wir also bspw. aus einer gelben, runden F1 Zucchini Saatgut gewinnen und wieder ansäen werden wir nur einen Teil oder u. U. gar keine Zucchini mit diesen gelben und gleichzeitig runden Eigenschaften erhalten.
(Zur Information hier z.B. : http://www.garten-des-lebens.de/f1-oder-samenfest-wo-liegt-der-unterschied/)

Das bedeutet für mich als Gärtner_in oder Landwirt_in also erst einmal, dass ich aus diesen Pflanzen kein eigenes Saatgut mehr gewinnen kann und somit gezwungen bin, Jahr für Jahr neue Samen kaufen
Von wem? Das ist noch einmal eine ganz eigene Frage.
Zur Erstinformation siehe dazu: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/05/07/saatgut-drei-konzerne-bestimmen-den-markt-fuer-lebensmittel/

Mittlerweile gibt es seit einigen Jahren auch die sogenannten CMS-Hybriden, deren Vermehrung überhaupt nicht mehr möglich ist, bzw. nur degenerierte Pflanzen zur Folge hat.
Zu diesem Thema siehe u.a.: http://www.saveourseeds.org/dossiers/cms-hybride.html
(Demeter hat bereits 2005 in seinen Richtlinien verfügt, dass CMS-Hybriden nicht mehr verwendet werden dürfen.)

Soweit einige Erstinformationen, die den Laien an das sehr komplexe Thema heranführen.
Und wodurch sich die oft zitierte ‚Qual der Wahl’ zumindest bei der Auswahl der Saatgutanbieter vermeiden lässt.

Als ich mir überlegte, diesen Artikel zu schreiben, habe ich einige Zeit über den Titel nachgedacht. Gutes Saatgut – böses Saatgut.
Bei der Erziehung meiner Tochter habe ich so schwarzweißmalerische Ausdrücke wie gut und böse in der Regel vermieden. Was heißt schon gut, was heißt schon böse?
Alles eine Frage der Moral.

Genau.

Saatgut ist die Keimzelle unserer Pflanzenvielfalt und unseres Lebens.
Es kann nicht gut sein, wenn diese Keimzelle in den Händen von zwei, vier oder sechs großen Konzernen liegt.
Es ist böse, wenn es diesen Konzernen nur um Marktanteile und um Geldvermehrung geht, denn Geld können wir nicht essen.
Die Menschheit braucht Saatgut. Ohne Saatgut gibt es kein Leben, keine Vielfalt, keine Pflanzen und keine Lebensmittel.

Laut Welternährungsorganisation (FAO) sind mehr als 75 Prozent aller Kulturpflanzen, die es im Jahre 1900 noch gab, verschwunden.
Behaupten unsere Politiker nicht schon seit vielen Jahren, dass Vielfalt gut tut?

(Noch) haben wir die Wahl.
Auch in einem kleinen Stadtgarten in Berlin-Mitte.

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