Unser ökologisches Jahr

Nun ging die Zeit wieder so schnell vorbei!
Wir erinnern uns, wie wir im Winter für das erste diesjährige Gartenprojekt, den Reisighaufen, Löcher ausgehoben und Holz gesammelt haben. Inzwischen ist er umgrenzt, gewachsen, beschildert und bewohnt…?

Wir, Stephanie und Judith, verbringen nun die letzten Tage auf der Arbeit unseres ökologischen Freiwilligendienstes (ÖBFD und FÖJ). Im Rückblick stellen wir fest, dass die Arbeit bei wachsenlassen und der Grünen Bibliothek uns in vielerlei Hinsicht vorangebracht hat.
Sie hat uns vor unsere Unsicherheiten gestellt und uns sowohl ein gestärktes Bewusstsein in unsere Fähigkeiten gegeben als auch vorher unbekanntes Können aufgedeckt. Mit Motivation haben wir durch die praktische Arbeit viel dazugelernt, sodass wir uns heute besser im Garten, in der umfangreichen Umweltthematik, in der Arbeit mit Kindern und gestalterischen Mitteln auskennen.
Die Zeit, für Stephanie ein ganzes Jahr, für Judith 8 Monate, hat auf uns richtunggebend gewirkt und unsere Interessen vertieft. Somit geht es für uns im Bildungs- und Arbeitsweg schon bald weiter.
Abgesehen von dem Garten werden wir vor allem auch das Arbeiten mit den Kollegen vermissen. Denn in Gemeinschaft haben wir Pläne und Ideen für den Garten entworfen, die Entwicklung beobachtet und schöne Erinnerungen gesammelt.

Es war ein gutes, sehr gelungenes Jahr, das uns beide noch lange weiter begleiten wird.
Und wir wünschen den Kollegen, dem Garten und den nachfolgenden Freiwilligen viel Glück und Freude für die kommende Zeit.

Bis bald!

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Gartenzeit

30.7.15.3

Unkraut (Beikraut, Wildkraut) zupfen, eins nach dem anderen, zupfen, zupfen, zupfen.
Das meiste davon: Selbst ausgesäter Anisysop, der sich (auch wenn ich so etwas kaum zu sagen wage) sich ein bisschen zuu wohl bei uns im Garten fühlt.
Aber auf jeden Fall eine wunderbare Insektenweide!

Stück für Stück lege ich Stauden frei und freue mich darüber, dass sie sich, obwohl ich seit Wochen viel zu wenig Zeit für den Garten hatte, über das Jhr gut entwickelt haben.
Allen Vorurteilen zum Trotz:
Der Garten ist nicht nachtragend.

Ich taste die weichen, pelzigen Blätter des Frauenmantels, nach wie vor eine meiner Lieblinge im Garten mit ihren hübschen, samtig-grünen Marienmäntelchen, die, als Tee zubereitet, auch noch über heilende Kräfte verfügen.
Ich entferne überschüssige Samenstände (lasse zwei davon zum Ausreifen als zukünftige Gabe für unsere Leih-Sämerei stehen) und braune Blätter -und all die vielen Anisysop-Setzlinge drumherum.

Die Ochenzungen daneben sind noch nicht, wie schon befürchtet, geschossen, dort gibt es noch genug frische Blätter für die Salate der kommenden Tage abzupflücken.

Und wieder: zupfen, zupfen, zupfen.

Der Fenchel hat seine schönen Samenstände ausgebildet, ich koste ein paar der noch nicht ausgetrockneten Körner und bin verwundert über das unglaublich intensive Aroma, dass sich sofort explosionsartig in meinem Mund entfaltet.
Eigentlich gehörte ich noch nie zu denen, die von Fenchel schwärmen, doch der Genuss heute hat mich überzeugt: rasch eine Sorte sorgfältig ausgesucht als entscheidende Zutat füt die heutige Salatsauce.

30-7-15-7

 

Seit Tagen: Schmerzen, starke Schmerzen.
Die Physiotherapeutin zerrt zielstrebig und tatkräftig an mir herum, die starken Schmerzen ‚unten links‘ treten zurück, neu auftretende Schmerzen ‚oben rechts‘ werden unerträglich.
Dazu: Ein Arbeitsauftrag, den ich auf Grund unterschiedlichster Umstände nicht in der Lage bin, auszuführen, den ich aber trotzdem ausführen muss.

Ich betrete den Garten, matt, erschlagen und irgendwie in der Erwartung, auch hier mit Vorwürfen empfangen zu werden.

30.7.15.1

Zusätzlich die Mahnung der Therapeutin im Ohr, ‚jetzt bloß keine Bäume auszureißen, sondern mich zu schonen‘, bin ich eh unentschlossen, ob ich mich heute der Gartenarbeit hingeben soll.

Im Garten treffe ich die Gärtnerin, eine andre Art von Therapeutin.
Ruhig und gelassen schneidet sie die wuchernden Äste der Schneebeeren, Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt.

Und ich zupfe weiter.

Scheide den Beinwell, gieße neue Jauche auf, heilsamer Trunk für heilsame Pflanzen.

Die Bunte Forelle, etwas spät nach gesät, hat sich doch nur noch zu recht kleinen Köpfchen entwickelt, aber in diesem Jahr wollte sich unser Lieblingssalat eh nicht richtig entfalten. Er keimte schon schlecht oder gar nicht und wuchs nur sehr zögerlich.
Stirnrunzeln und Fragen über Fragen: Lag es an uns, was hatten wir falsch gemacht? War es das schwierige Wetter oder lag es doch am Saatgut?
Aufmerksam sein, beobachten, überlegen.
Und nicht allzu enttäuscht sein, wenn die Natur wieder einmal etwas anderes macht, als man erwartet hat und man die passende Erklärung dafür vielleicht doch nicht (sofort) findet.

Zupfen, zupfen, schneiden, gießen, inne halten, beobachten.

30.7.15.6

Die Tomaten haben meine Abwesenheit gut überstanden, da zeigt sich dann die Stärke eines Gemeinschaftsgartens, wo andere während der eigenen Abwesenheit da sind und sich kümmern.

Der Rest wuchert.
(Auch ein mir nicht unbekanntes Gefühl im Garten: Alles wuchert über mich hinweg. Und auch da hilft nur: Ruhe bewahren, anfangen, weitermachen, zupfen)
Was fangen wir mit all dem Oregano an?
Der Estragon?
Die Melisse?
Wann soll ich Zeit finden, Kräutersalze zu mörsern, Estragonessig aufzugießen,die Melisse für leckeren Tee ?
Und das ‚Kraut der Hundertjährigen‘?
Seine Heilkraft soll der des Gingsengs in Nichts nachstehen.
Wann wird das geerntet?

30.7.15.2

Hoppla, jetzt bloß nicht erdrücken lassen von der Kraft der unerledigten Dinge!

Der Garten wächst weiter, unbeeindruckt von derlei menschlichen Gefühlen und Überlegungen.

Wenn in diesem Jahr niemand da ist, der den Weg zum Hundertjährigen antreten möchte, dann vielleicht im nächsten Jahr, das passende Kraut dazu fühlt sich auf jeden Fall schon seit Jahren bei uns im Garten wohl…

Ich höre auf, zu zupfen und beginne mit den abschließenden Arbeiten eines jeden Gartentages. (Aufräumen und Ordnung halten ist nun mal ein wesentlicher Teil jeglicher Gartenarbeit).

Im Anschluss daran das vielleicht Schönste: Jetzt darf ich mir einen Blumenstrauß für zu Hause aussuchen.
Der Duft des Pflox und die Farben des Sommers in meiner Stadtwohnung.

30.7.15.8

Die Schmerzen sind nicht verschwunden, aber – wohl auch, weil ich keine Bäume ausgerissen habe – geringer, erträglicher.
Vielleicht auch einfach nur deswegen, weil ich einige Stunden einfach nur gezupft, gezupft und gezupft habe.

Gespräch mit der Gartentherapeutin: Vielleicht sind es wirklich die kleinen, einfachen Dinge, die uns im Garten dabei helfen, wieder etwas zur Ruhe zu kommen, etwas Abstand zu gewinnen zu den ach so schwierigen, komplexen Geschehnissen des alltäglichen Lebens.
Einfache Freuden, kleine Erkenntnisse, einfaches Tun, einfach tun.
Wir sollten sehr darauf aufpassen, dass uns dieses einfache Tun nicht abhanden kommt.
Das Gefühl von Handlungsfähigkeit.

Jeder Garten – und besonders in der Stadt – ist auf seine ihm eigene Weise schützenswert.
Für sich selbst, für die Tiere, die in ihm leben und für die Menschen.

30.7.15.4


ABC-Spiele in der Grünen Bibliothek der Nachbarschaft

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Wie heiße ich?
Wie ist mein Name?
Wie wird er geschrieben?

Sprachspiele machen Spaß und ermöglichen einen vergnügliches Herangehen an Lesen und Schreiben im geselligen Miteinander.

Jeder macht mit nach seinem Niveau und erfreut sich an graphischer Darstellung von Sprache.

Egal, ob das Alphabeth noch unvertraut ist oder man sich als Liebhaber und Ästhet einfach gerne intensiv mit Sprache beschäftigt:
an den ABC-Spielen von und mit Susanne Dorén, die bis zu den Weihnachtsferien in der Stadtteilbibliothek Tiergarten-Süd in der Lützowstr. 27, 10785 Berlin
jeden Freitag von 16.30 – 17.30 Uhr stattfinden,
haben viele ihre Freude.

Gemeinsam mit Angelika Sauermann und Dorothee Hauenschild von der IG-Bibliothek Tiergarten startete Frau Dorén unter großer Beteiligung von interessierten Anwohner_innen ihr offenes Angebot.

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Wir freuen uns auf mehr vergnügliche Angebote in der Grünen Bibliothek der Nachbarschaft!

Das offene Angebot ABC-Spiele für groß und klein ist ein Angebot der IG-Biblitothek ‚Die grüne Bibliothek der Nachbarschaft‘ in Kooperation mit der Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich Bibliotheken in Berlin Mitte  und dem Stadtteilverein Tiergarten e.V.

Die Mitglieder der IG-Bibliothek Tiergarten freuen sich über weitere Unterstützer beim Aufbau der ‚Grünen Bibliothek der Nachbarschaft‘. Falls Sie Zeit und Lust haben, sich gemeinsam mit uns in den Bereichen Sprache – Garten – Selbermachen zu engagieren, nehmen Sie zu uns Kontakt auf unter:

wachsenlassen@web.de

Das Projekt
‚Die grüne Bibliothek der Nachbarschaft mit aktivierenden Mitmach-Projekten: Sprache – Garten – Selbermachen‘
wird gefördert durch:

Logo quer3

 


Farben des Herbstes

 

 

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Hallo

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Hallo,
mein Name ist….
Oh jeh, jetzt habe ich schon wieder meinen Namen vergessen!
Nun ja, ich bin noch ein kleiner Hund und glaubt mir, diese vielen Wörter der Menschensprache sind gar nicht so einfach auseinander zu halten. Aber seinen Namen zu wissen, ist wichtig, vielleicht kann mir der, den ihn kennt, helfen?

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Also, auf jeden Fall weiß ich, dass ich ein kleiner Retriever bin.

Wobei ich, wenn ich ehrlich sein soll, mir nicht mehr ganz so sicher bin, was für ein Retriever ich bin. Ein ‚goldener‘ oder doch ein ‚Labrador‘? Hmm.

Auf jeden Fall sind Retiever sind ganz tolle Hunde, das weiß ich.
Sie haben gute Nerven, sind sehr ausdauernd, leben gerne in einer Familie und übernehmen für diese gerne Aufgaben. Uns wir haben wirklich einen langen Atem und viel Geduld und geben nicht auf, wenn wir etwas ganz stark wollen. Manchmal braucht man eben sehr lange, um etwas zu erreichen.
Ich bin jetzt hier, um auf das Beet von Lotte und Mats aufzupassen.
Die beiden haben nämlich die nächsten Monate leider sehr wenig Zeit, um in den Garten zu kommen und da habe ich mir gesagt: „Hey, das ist doch eine richtig feine Aufgabe für Dich! Aufpassen, was rund um das Beet von Mats und Lotte passiert.“

 

Heute habe ich mich erst einmal umgeschaut.
Ich war bei den Monatserdbeeren, die wirklich noch ein paar Früchte tragen.

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Und dann war ich im Salat!

Schaut euch das an, wie knackig der noch ist! Der wird bestimmt noch richtig gut schmecken
(Wenn man denn so etwas mag.)

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Besonders gut gefällt mir der schöne bunte Mangold. Da kann Lotte bestimmt auch noch etwas Leckeres draus kochen, wenn sie Zeit dazu findet.
Und diese Farben!
(Retiever sind bekanntlich Hunde, die nicht nur selbst sehr gut aussehen, sondern auch schöne Sachen zu schätzen wissen, Hunde mit gutem Geschmack sozusagen).

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Es gibt hier roten, gelben und weißen Mangold.
Und direkt daneben habe ich ein kuscheliges Plätzchen für mich im Gras gefunden.

Also, insgesamt gefällt es mir hier sehr gut.
Ich werde mich jetzt mal weiter umsehen und mich ein bißchen einrichten. Mal schauen, wer hier alles so rumläuft und was hier so passiert.

Bis bald, euer….. (Äh, ja, hm) Retriever.

 


Die letzten Blüten

Auch wenn sie – streng genommen – nicht zu den ‚allerletzten Blüten’ im Garten gehört, ist sie wohl doch unter vielen Lieblingen meine Lieblingsblume – und dass nicht nur, weil sie spät blüht, sondern weil sie mich immer wieder mit ihrer strahlenden Einfachheit bezaubert:
Die Anemone japonica.

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In unserem Stadtgarten blüht sie in kräftigem bis zarten Rosé und eigentlich mag ich nur noch ihre bleiche Schwester mit ihren reinweißen Blüten ein ganz klein bisschen lieber.

Leider habe ich die Anemone japonica ‘Honorine Jobert’ – von Experten als schönste weiße Sorte gerühmt – und die von August bis November blüht, noch nicht gefunden, aber ich bin zuversichtlich, dass Julia, die für das nächste Jahr einen neuen, meditativen Bereich im halbschattigen Teil unseres Garten plant, an mich denken wird…

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Und vor der Innenseite des Zauns zu unserem Bauerngarten haben dann doch wahrscheinlich die Blüten der rosafarbenen Sorte ihren idealen Platz gefunden.

Viel später, wenn die Anemonen längst verblüht sind, bezaubern mich die letzten Rosen jedes Jahr auf’s Neue.

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Wie zart strotzen sie den kalten Winden und Regenschauern des Novembers und erinnern uns in ihrer Zartheit noch einmal an die Blütenfülle des vergangenen Sommers.

Welch poetischen Momente bereiten mir unsere Gartenpflanzen im November, wenn ich sie nur regelmäßig besuchen gehe und hinschaue.

Und dabei braucht es nur ein wenig selbst genommene Zeit, um hinauszugehen im grauen November und zu entdecken und für einen Moment inne zu halten.

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Schön, wenn man weiß, dass es einen Garten mitten in der Stadt gibt und man in Fatmas Garten eine letzte Rose findet.


Zeit

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Getrieben werden, Zeit für den Garten finden.
Der Garten mitten in der Großstadt.
Ein Raum für die eigene Zeit, ein Ort, um Zeit zu empfinden.
Die Zeit als die Form des inneren Sinnes, des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes.

Jeder Garten bietet uns diesen Raum, vielleicht ein Geschenk der Natur für unsere Mühen, für unsere behutsame Kultivierung?

Die Menschen bleiben stehen, werfen einen kleinen Blick in diesen Raum der Zeit und – eilen weiter…

…und dann gibt es die, die bleiben.
Die, die den Gartenraum erobern und ihn sich aneignen. Sie entdecken, staunen und finden im Raum, den der Garten ihnen bietet. Und die Zeit?
Sie entfaltet sich ebenfalls in diesem Raum und wir verlieren etwas von dem Gehetzt- und Getriebensein, das unser Leben so oft bestimmt.

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